Wenn wir nur alle so leicht erfinden würden wie neue Wörter. Vielleicht habt Ihr schon von „Coolcation“ gehört, der „Cool Vacation“, also einem Urlaub, den man bewusst nicht im Süden, sondern im Norden macht. Wer in Mannheim unter 40 Grad Hitze ächzt, sehnt sich nach 19 Grad an einem Fjord in Norwegen.
Nun machen trotz der Rekordhitze zuhause viele Leute trotzdem Urlaub am Mittelmeer (ich auch), und das gerne. Und 35 Grad fühlen sich in Spanien oder Griechenland nicht nur deswegen besser an, weil man dort nicht arbeiten muss. Im Süden sind sie einfach besser auf Hitze vorbereitet. Die Städte haben schmale, schattige Gassen, die Häuser haben dicke Steinmauern, auf den Plätzen sitzt man unter Bäumen oder Pergolen. Und nicht nur Privatwohnungen, sondern eben vor allem Krankenhäuser, Pflegeheime oder Schulen sind klimatisiert.
Den menschengemachten Klimawandel zu bremsen, ist für uns alle eine Lebensaufgabe. Aber wir sehen auch: heißer ist es schon jetzt geworden. Darauf müssen wir jetzt reagieren – und tun das noch kaum.
In meinem Heimatkreis auf der Ostalb haben bisher kaum ein Zehntel der Städte und Gemeinden konkrete Schritte für einen besseren Hitzeschutz oder Aktionspläne bei Hitzewellen unternommen. Wenn wir auch auf über 500 Metern Höhe immer mehr Hitzetage erleben, kann das nicht so bleiben. Und noch schlimmer: Eine Anfrage der SPD-Fraktion beweist, dass die Landesregierung aus Grünen und CDU von der Hitze eiskalt erwischt wird: Es gibt keine großen Programme, keine Standards für Krankenhäuser oder Pflegeheime, keine nennenswerte Förderung. Die Landesregierung hat nicht einmal einen Überblick, wer wo was unternimmt. Wieder mal sollen es die Kommunen richten – als ob die nicht schon am Ende ihrer Kräfte wären. Der Effekt ist schlimm: Von den 1100 Städten und Gemeinden in Baden-Württemberg haben bislang kaum 40 auch ausreichende Pläne für mehr Hitzeschutz. Und diese Pläne müssen noch nicht einmal umgesetzt sein.
Bis Anfang August sind in Deutschland diesen Sommer über 12.000 zumeist ältere und geschwächte Menschen an den Folgen der Hitze gestorben, sagt das Robert-Koch-Institut. Und ja, als dieses Institut in der Corona-Pandemie mit solchen Berechnungen von sich reden machte, hat der Staat Schulen, Grenzen und Läden geschlossen, Familienbesuche verboten. Jetzt wird nicht einmal laut über Klimaanlagen in Krankenhäusern nachgedacht. Und es werden weitere neue Schulen und neue Pflegeheime ohne Kühlung genehmigt.
Hilfe bei Hitze gibt es auf verschiedenste Weise: Wir reden von besserem Städtebau mit mehr Begrünung und Schatten, aber auch von Hitzeaktionsplänen, kühlen Aufenthaltsorten, technischer Ausstattung, besserer Beratung. Einiges kostet Geld, anderes nur guten Willen. Es gibt viele Möglichkeiten, bei Hitze Linderung zu schaffen. Doch wie so oft schaut die Landesregierung einfach zu und bekommt die Hände nicht aus den Taschen.
Vorausgedacht wird schon zweimal nicht. Zur immensen Hitze kann heute auch enorme Dürre kommen. Beides wird gerne verwechselt, aber Klimaanlagen schaffen keinen Regen. Müssten wir irgendwann Zisternen bauen, damit Landwirten im Sommer nicht die Ernte vertrocknet? Wo müssten wir sie bauen? Wie sollen wir sie bezahlen? Aus den gut gekühlten Büros der Landesregierung habe ich dazu noch nichts gehört.
Hitzeschutz (und die Vorsorge gegen Dürre) ist eine gemeinsame Aufgabe aller staatliche Ebenen – und diese Aufgabe muss eine Regierung planen, koordinieren und finanzieren. Nicht nur, wenn die Rekordtemperaturen gerade Schlagzeilen machen. Wir brauchen verbindliche Hitzeschutzstandards für Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen, auch für Kitas und Schulen. Und unsere Städte und Gemeinden brauchen dazu vom Land gute Vorschläge, machbare Lösungen und vor allem das nötige Geld. Heiße Luft haben wir genug im Land.
