Stochblog 14

Besseres Neues!

An der Überschrift können wir merken, wie eingefahren wir sind. „Besseres Neues“ klingt komisch, man denkt unwillkürlich nach, was es heißen soll. Stände dort „Gutes Neues!“ würden wir nicht eine Sekunde darüber nachdenken. Sagt man so. Kennt man so. Ist ganz normal.

Ich will Euch und uns allen aber nicht nur ein gutes, sondern ein besseres neues Jahr wünschen. Und ich will, dass wir darüber nachdenken, was das heißt. Erst Recht, wenn wir nicht mehr wirklich nachdenken, wenn wir uns ein gutes neues Jahr wünschen.

Das neue Jahr kann ein besseres neues Jahr werden. Wenn es mit dem Impfen klappt, wenn es keine bösen Überraschungen mit unerwarteten Mutationen des Virus gibt. Und wenn wir es schaffen, vernünftig zu bleiben. Wenn wir vorsichtig bleiben und uns an Auflagen halten, auch wenn es uns längst aus dem Hals hängt, vorsichtig zu bleiben. Wenn wir es erwarten können, bis die Gefahr wirklich gebannt ist, und nicht zu früh losstürmen wie Kleinkinder, die sich noch nicht beherrschen können. Und wenn wir nie vergessen, dass es am Ende die Gemeinschaft sein wird, die Solidarität, die uns durch diese Krise gebracht hat. Nicht unbeschadet, nicht ohne Opfer und nicht ohne Narben, aber immerhin.

Unsere Solidarität wird auf die Probe gestellt werden. Wir erleben schon jetzt, wie eingefahren wir bei der Elitenbildung sind. Sollten geimpfte Personen nicht Vorteile haben? Vielleicht eher wieder fliegen dürfen als andere? Klar, in einer Welt, in der man sich beim Fliegen in Klassen einkauft, kommt so eine Idee vielleicht ganz automatisch, man denkt nicht drüber nach, wie beim „guten neuen Jahr“. Aber wenn es ein besseres Jahr werden sollte, dann denken wir bitte nach. Und dann verstehen wir bitte, wie unfair ein halbes Jahr der Impfprivilegien wäre. Und wie unnötig. Und wieviel besser es wäre, weiter auf Gemeinschaft zu setzen.

Unsere Gemeinschaft werden wir pflegen müssen. Auch, wenn es darum geht, wieder und wieder zu überzeugen, wenn uns Bekannte wirre Argumente vortragen. Wieder und wieder werden wir Falschbehauptungen rund um die Impfungen widerlegen müssen. Es strengt an, es nervt, es ermüdet. Aber es ist wichtig, zu widersprechen, zu überzeugen, die Wahrheit zu sagen.

Und es wird noch wichtiger sein, unsere Gemeinschaft zu pflegen, wenn die Pandemie, hoffentlich so bald wie nur möglich, abgehakt werden kann. Wenn wir wieder ein normales Leben führen. Ohne, dass eine diabolische Diktatur errichtet wurde. Ohne Echsenmenschen aus dem Untergrund. Ohne eine Reduzierung der Weltbevölkerung um die Hälfte. Hunderttausende Menschen in diesem Land werden dann dastehen wie die Idioten, neben einem Berg an Unsinn und Märchen, den sie ein Jahr lang erzählt haben. Und wir werden unsere Gemeinschaft pflegen müssen, auch mit diesen Menschen. Wir werden bereit sein müssen, Ihnen zu verzeihen. Und hoffen, dass sie etwas gelernt haben.

Es gibt Menschen, die glauben, dass die Pandemie einige Dinge auf Dauer ändern wird. Dass der Händedruck zur formalen Begrüßung aus der Mode kommt. Dass man unnötige Anfahrten zu Besprechungen häufiger durch Videokonferenzen ersetzt. Ich bin mir da nicht so sicher. Eineinhalb Jahre sind eine lange Zeit, und doch sind sie im Leben aller heute Erwachsenen nur eine Episode. Die Normalität wird sich sehr schnell wieder sehr gewohnt anfühlen, sehr normal eben.

Das will ich jedem von uns gönnen, von ganzem Herzen. Und doch hoffe ich, dass uns ein paar Erkenntnisse bleiben werden aus diesen Monaten, in denen so viel so heftig auf den Kopf gestellt werden musste. Wir haben auf vieles verzichtet, um das Virus zu bremsen. Wir haben Milliarden und Abermilliarden ausgegeben, um das Virus zu bekämpfen. Und wir haben noch viel mehr ausgegeben, damit bei diesem Kampf, bei allen Einschränkungen und Absagen möglichst wenig Menschen zu Schaden kommen, weder in ihrer Gesundheit noch in ihrer wirtschaftlichen Existenz.

Wir haben ungeheuer viel geleistet, nur um eine tückische Krankheit zu bekämpfen, nur, um eines Tages wieder normal weiterleben zu können. Wir sind einen langen und sehr schweren Weg gegangen, um zur Normalität zurückzukehren.

Das sollten wir nicht vergessen. Niemals. Denn eines Tages werden wir wieder zu den „normalen“ Problemen zurückkommen. Und es wäre gut, wenn wir dann etwas aus dieser Pandemie gelernt hätten.

Wenn wir die Pandemie besiegen werden, dann haben wir sie besiegt, weil wir nicht auf Umfragen zur Popularität gehört haben, sondern auf Experten und Wissenschaftler. Dann haben wir sie besiegt, weil wir ein globales Problem gemeinsam angingen. Keiner konnte hoffen, es werde schon die anderen erwischen. Wir werden sie ohne Waffen besiegt haben, mit Armeen, die medizinisch halfen, anstatt Krieg zu führen. Und wir werden sie besiegt haben als eine Welt, in der wir erkannten, wie wenig Bedeutung nationale Grenzen noch haben, wie sehr wir miteinander und nicht nur nebeneinander leben müssen. Wir müssten nicht annähernd so drastische Mittel ergreifen, um im Kampf gegen den Klimawandel endlich entscheidend voranzukommen. Auf Experten hören und nicht auf Umfragen zur Popularität. Gemeinsam handeln, über alle Grenzen hinweg.

Und wir könnten auch für unser Land Baden-Württemberg etwas lernen. Lernen, dass wir etwas verändern, etwas bewirken können, wenn es sein muss. Dass die Gemeinschaft aller Menschen in diesem Land enorm stark ist. Dass sie nicht nur zuschauen, sondern zupacken kann. Wir können Dinge anders machen, wenn sie nicht gut sind. Wir können sie besser machen.

Wir können Wohnungen bauen, wenn sie fehlen. Wir können unsere Schulen zu den besten auf der Welt machen, wenn wir es uns etwas kosten lassen und endlich handeln. Wir können auf saubere Energie setzen und unsere Umwelt und unser Klima schützen, wenn wir entschlossener sind und uns etwas trauen. Wir müssten nur Kleinigkeiten unternehmen im Vergleich zur Pandemie, nur kleine Summen in die Hand nehmen, uns nur annähernd so ernsthaft durchsetzen.

Wir können dieses Land bereit machen für den Wandel in der Wirtschaft, der Mobilität. Wir können das besser und schneller, als wir es uns früher vielleicht vorstellen konnten. Hören wir auf Experten, tun wir das richtige, tun wir es ernsthaft und entschlossen und nehmen wir dabei in Kauf, dass eben nicht alles so bleiben kann wie es ist, wenn so vieles anders werden soll.

Ja, im neuen Jahr sind auch Landtagswahlen, und auch da wird es darum gehen, ob eine neue Landesregierung zupackt oder nur zuschaut. Und bei der Bundestagswahl wird es nicht anders sein. Aber es wird eben nicht nur darum gehen, Kreuzchen zu machen (gute Kreuzchen, Ihr wisst schon), sondern dafür einzutreten, dass wir handeln können und handeln wollen. Dass wir aus der Pandemie gelernt haben. Dass uns nicht nur eine enorme finanzielle Last bleibt und ein wirtschaftlicher Scherbenhaufen, sondern auch eine Erkenntnis, die hoffen lässt: Wenn wir es geschafft haben, Covid 19 zu besiegen, dann können wir auch unser Klima retten, unsere Umwelt erhalten und unsere Zukunft sichern.

Es ist wie bei dem Gruß zum Jahreswechsel. Wir wissen, was gut war. Denken wir doch mal darüber nach, was besser werden sollte.

In diesem Sinne: Ein besseres neues Jahr.

Euer Andreas Stoch

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