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Bildung von morgen in Schulen von gestern?

Die Schulleiterin schaffte es damals, einen ganzen Gemeinderat sprachlos zu machen, in meiner Gegend, im Landkreis Heidenheim. Die Damen und Herren aus dem Rathaus hatten die Rektorin eingeladen, damit sie sich neue Tische und Stühle für die erste Klasse aussuchen sollte, das alte Mobiliar war schon ziemlich wackelig.

„Also ehrlich gesagt würden in der ersten Klasse auch ein paar Matten genügen“, sagte die Rektorin: „Wenn man sie lässt, sitzen die Kinder am liebsten auf dem Boden“. Die Gemeinderäte waren baff – aber strikt dagegen: In einer Schule hat es Stühle und Tische. So war das schließlich schon immer. Basta.

Das ist nur eine Anekdote, aber sie trifft ein grundsätzliches Dilemma unserer Schulen: In die Schule gehen Kinder, die Erwachsenen von morgen. Aber über Schulen bestimmen vor allem Erwachsene – die Kinder von gestern.

Jeder, der schon einmal an einer Schule Verantwortung übernommen hat, und sei es nur ein Jahr als Elternvertreter, kennt das Totschlagargument gegen Neuerungen: „Das hatten wir damals auch noch nicht“, heißt es dann: „Und aus uns ist trotzdem etwas geworden“.

Das muss nicht einmal böse gemeint sein: Bei Kinderbüchern gibt es seit Jahrzehnten stabile Klassiker, die nach wie vor die Topseller-Listen prägen: Pipi Langstrumpf und Jim Knopf, die kleine Raupe Nimmersatt… und wir verschenken diese Bücher bis heute, weil sie erstens gut sind und wir sie zweitens kennen – vielleicht sogar schon aus unserer eigenen Kindheit. Wir hatten Freude daran, und das wollen wir weitergeben. Daran ist nichts falsch, und bei Pipi Langstrumpf und Jim Knopf schon zweimal nicht.
Doch abseits zeitloser Kinderbücher kann die Rückschau auch hinderlich sein, und zwar immer dann, wenn wir Kinder von heute allzu vehement in eine Kindheit von gestern pressen wollen. Oder eben Schüler von heute in eine Schule von gestern.

Wer heute Kinder hat, hatte als Kind noch kein Smartphone. Schon das mag erklären, warum Digitalisierung an unseren Schulen lange nicht einmal Priorität 3 hatte. Wie fatal diese Einstellung war, haben wir nicht nur im Corona-Lockdown erlebt, der die steinzeitliche Ausstattung vieler Schulen offenbart hat. Wir erleben es auch, wenn wir sehen, wie weit sich Schulen von der modernen Welt entfernt haben, weil man es ihnen nicht erlaubte, Schritt zu halten.

In keinem Büro Baden-Württembergs würde ein Arbeitgeber erwarten, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre eigenen Laptops mitbringen, private Beamer und Kabel nützen, dass ein zufällig technikaffiner Kollege sich um die Firmen-Homepage und das W-Lan im Büro kümmert. Das mag es einst gegeben haben, in den 1990ern, als Internet noch ein Hobby war. Seit es ernst wurde (und das ist 20 Jahre her) haben selbst Fünf-Mann-Betriebe professionelle IT-Dienstleister.

Und an unseren Schulen? Da erwartet man, dass Lehrer eigene Rechner nutzen, dass sie die Mängel der Ausstattung mit eigener Technik überbrücken. Da erwartet man, dass sich irgendein Kollege nebenher um die IT kümmert. Wahrscheinlich nicht einmal aus Geiz: Lehrer müssen ja keine eigenen Tafeln mitbringen, die Kreide wird gestellt, und wenn man die Schule streichen will, müssen das die Lehrer auch nicht selbst machen. Schuld ist oft eher die verzerrte Rückschau-Perspektive: Schule ohne Tafel? Kann nicht sein, kauft eine! Schule ohne Tablet? „Hatten wir damals auch noch nicht – und aus uns ist trotzdem was geworden…“

Schulen hatten also schon immer dagegen anzukämpfen, dass die erwachsene Gesellschaft ein gestriges Bild der Schule hat, selbst, wenn man gar nicht gestrig sein will. Und umso fataler wird die Lage dann, wenn die Politik, die unsere Schulen gestalten will, tief konservativ ist. Wenn das oberste Ziel nicht die Weiterentwicklung, sondern nur der Erhalt ist, das „Konservieren“ eben. Wenn früher sowieso alles besser war, kann eine Schule nur im Gestrigen verkleben, anstatt sich so zu entwickeln, wie es nötig wäre.

Konservative Ideen finden ihren Beifall in konservativen Kreisen, das leuchtet mir erst einmal ein. Was mir nicht einleuchten kann ist die Tatsache, dass diese konservativen Kreise in der Lage sind, in ihrer Weltsicht zu schielen wie ein Chamäleon. Konservative behaupten oft, sie seien die besten Freunde der Wirtschaft, der Unternehmerinnen und Unternehmer. Mehr noch, sie behaupten, außer den Konservativen habe sowieso niemand Ahnung von dem, was unsere Firmen brauchen. Unsere Firmen brauchen Ingenieure, Digitalisierungsexperten, IT-Nerds, Experten aus den MINT-Berufen, mehr Frauen in naturwissenschaftlichen Fächern. Und, und, und…
…und dann gehen die Konservativen in ihre Bierzelte, an ihre Stammtische, und dann sagen sie, was man dort hören will. „Digitalisierung hatten wir auch nicht an der Schule, und aus uns ist dennoch was geworden, gell?“ Das Bierzelt applaudiert. „Die Kleinen daddeln doch eh noch früh genug rum, die sollen erst einmal Schönschrift lernen!“ – das Bierzelt tobt.

Man muss das verstehen, wenn man beim aktuellen, merkwürdigen Kurs der baden-württembergischen Kultuspolitik wenigstens bestimmte Motive nachvollziehen will: Bundesmittel für Ganztagesbetreuung lehnt man ab, weil es die Ganztagesbetreuung früher ja auch nicht gab. Mittel für die Digitalisierung ruft man nicht ab, weil wir früher ja auchnichtblabla, und die Gemeinschaftsschule ist eine sozialistische Teufelei. Konserviert die Klassengesellschaft!

Ich würde das vielleicht lustig finden, wenn ich nicht wüsste, was auf unsere Firmen zukommt in den nächsten Jahren. Und wenn ich nicht wüsste, was für Qualifikationen in unserem Land so dringend gebraucht werden. Ganz ehrlich: Schönschrift ist da nicht so entscheidend.

Vielleicht werden diesen Blog auch Menschen lesen, die sich jetzt ärgern und daran erinnern, dass ich selbst einmal Kultusminister war und alles hätte ändern können. Das verstehe ich, denn das hätte ich vor meiner Zeit als Kultusminister auch gedacht. Aber auch ein Minister kocht nur mit Wasser, das musste ich selbst lernen. Wir haben angeschoben, was wir konnten, haben Weichen gestellt, die man schon Jahrzehnte früher hätte stellen müssen. Und wir heizten dem Dampfer der Kultuspolitik so gut ein, wie es nur ging. Wir haben einiges erreicht, aber ich hätte gerne viel, viel mehr erreicht.

Doch seit 2016 wurde dem Dampfer nicht mehr eingeheizt. Mehr noch, man versuchte, den Anker zu werfen. Und noch schlimmer, man drehte den Dampfer quer zum Wind und brachte ihn immer mehr ins Schlingern. Als früherer Kultusminister würde ich mich gerne weniger drastisch ausdrücken. Aber als Politiker, der sich mit Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern, Eltern und Experten austauscht, kann ich das leider nicht. Und ich kann auch nichts dafür, dass von allen möglichen Seiten wieder und wieder beklagt wird, dass die aktuelle Kultuspolitik den Dialog aufgekündigt hat, dass sie nicht mehr zuhört. Dass nicht Pädagogen, nicht Eltern und nicht Schüler den Ton angeben, sondern das Bierzelt. Weil es dort lauter ist.

Noch einmal: Wir alle (mich eingeschlossen) laufen Gefahr, Schule aus den Erfahrungen unserer Kindheit zu bewerten. Und konservative Bildungspolitik läuft Gefahr, diesen Fehler ins Fatale zu steigern und Baden-Württemberg seinen wichtigsten Rohstoff abzugraben: Schlaue, innovative Köpfe, die nach vorne denken und nicht zurück.

Ich sage es immer wieder und ich werde es immer wieder sagen: Bildung für morgen kann es nicht in Schulen von gestern geben. Sagt das weiter.

Euer
Andreas Stoch

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