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Maßloses Mimimi

Man soll nicht nur an sich denken, sondern auch an andere. Und es wird womöglich jemanden geben, der diesen Blog liest und noch nicht von Jana aus Kassel gehört hat. In aller Kürze: Jana aus Kassel trat kürzlich in Hannover bei einer „Querdenker“-Demo auf die Bühne und tat kund, dass sie sich wie Sophie Scholl fühle, denn auch sie sei nun im Widerstand und verteile Flugblätter und… und dann trat ein Mann an die Bühne und sprach laut (und vernehmlich, wegen der vielen Mikrophone), das halte er für eine Verharmlosung des Holocausts und für so einen Schwachsinn mache er nicht mehr den Ordner hier. Jana stürmte daraufhin weinend von der Bühne.

Über Jana aus Kassel wird seither bundesweit gelacht und gelästert, mir tut die junge Frau eher leid. Denn ich glaube, dass sie tatsächlich nicht begreift, wie maßlos ihre Aussage war. Ich glaube, dass Jana aus Kassel mit der Erkenntnis ein Problem hat, mit der dieser Blog beginnt: Man soll nicht nur an sich denken, sondern auch an andere.

Und Jana ist nicht allein. Man muss auf keine Querdenker-Demos gehen, muss auch keinen Schwachsinns-Gruppen auf Telegram beitreten, um zu spüren, dass viele Menschen dünnhäutig werden in dieser Krise. Im Frühjahr haben sie noch aus dem Fenster geklatscht, haben „Wir bleiben daheim“-Posts geteilt. Jetzt sind sie sauer, denn Corona geht einfach nicht weg. Das Virus wird langweilig.

Wer Jana aus Kassel nicht kennt, dem ist vielleicht auch der Begriff „Mimimi“ neu. So reden jüngere Menschen, wenn man jemandem übertriebenes Klagen und Jammern vorwirft. „Mimimi!“ heißt so viel wie „Stell Dich nicht so an!“ oder „Heul nicht so rum!“.

Ich sehe und höre viel Mimimi bei uns, längst nicht nur bei Jana aus Kassel. Wir reden von einem „Lockdown“ (Ja, ich manchmal auch, weil es sich eben so eingebürgert hat), obwohl es keinerlei Ausgangssperren gibt (englisch: Lockdown). Wir können überall hin, jederzeit, nur hat nicht alles geöffnet. Das heißt auf Englisch übrigens „Shutdown“. Ja, das klingt jetzt detailverliebt, aber wenn man sich den Fuß verstaucht, ist er ja noch nicht gebrochen, auch wenn es auch weh tut, oder?

Mich ärgert dieses Mimimi, und es ärgert mich auch, wenn dieses Mimimi so laut wird, dass die Politik meint, es bedienen zu müssen. Denn das Mimimi ist vollkommen maßlos, und das im wahrsten Sinne des Wortes: Ohne Maß.

Ich habe es schon mehrfach öffentlich erklärt: Ja, ich mag Weihnachten sehr und ich feiere es gerne, mit meiner ohnehin nicht ganz kleinen Familie und gerne auch mit Verwandten. Und natürlich wäre es schöner, wenn man Weihachten 2020 wie immer feiern könnte. Es wäre auch schöner, man könnte wie immer in Konzerte und ins Restaurant. Es wäre auch schöner, es gäbe keine Pandemie.

Aber es gibt eine, und deswegen üben wir uns in Abstand und Vorsicht. Und es gibt leider keinen rationalen Grund, dass Abstand und Vorsicht an Weihnachten nicht nötig wären. Das Virus kennt keine Weihnachtsferien, leider. Damit will ich nicht einmal sagen, dass ich uns allen nicht einige Lockerungen zu Weihnachten gönnen will. Nicht einmal das. Aber ich will sagen, dass es mich verstört, welchen Raum Weihnachten in den vergangenen zwei Wochen gespielt hat. In den Medien hatte man den Eindruck, die ganze weltweite Pandemie laufe letztlich auf die Frage hinaus, ob die Deutschen an Weihnachten mit zwei, drei oder zwölf Gästen feiern dürfen. Das halte ich für maßlos. Das halte ich für Mimimi.

Noch absurder ist die Debatte, wenn es um Silvester geht. Es gibt Menschen, die seit dem Frühjahr in Kurzarbeit sind, Kulturschaffende, die vor dem existenziellen Nichts stehen. Es gibt Menschen, die ackern Tag und Nacht in Heimen und Kliniken, um anderen Menschen zu helfen. Wollen wir denen wirklich erzählen, die wichtigste Frage sei zurzeit, ob man am Abend des 31. Dezember mit Böllern werfen darf? Und was sind das für Argumente, man stecke sich beim Raketenschießen im Garten nicht an? Es geht um Tausende von Leuten, die in jeder Silvesternacht mit verbrannten Fingern oder Schwarzpulver in den Augen in die Kliniken rennen, weil sich Alkohol und Pyrotechnik so schlecht vertragen. Muss das sein, mitten in der Pandemie? Ehrlich?

Helmut Schmidt war ein ganz anderer Sozialdemokrat als Erhard Eppler, dennoch schätze ich beide sehr. Und beide eint eine Einschätzung über den Zweiten Weltkrieg. Zu nichts, aber auch gar nichts sei der Nutze gewesen, haben beide in ganz ähnlicher Weise gesagt: Wenigstens aber wisse die Generation, die all diesen Wahnsinn habe durchmachen müssen, worauf es wirklich ankomme. Als ich das las, erinnerte mich das an viele alte Männer meiner Kindheit: „Du hast den Krieg nicht erlebt, Du weißt gar nicht, wie das war“. Ich fand den Spruch nervig, als ich klein war. Bei Schmidt und Eppler verstand ich, was dahinter steckte.

Ich will die Pandemie nicht mit dem Krieg vergleichen, nein. Aber Jana aus Kassel hat es getan und Tausende anderer Querdenker tun es. Und auch das ist schon in sich eine Frechheit gegenüber einer Generation, die weit widrigere Umstände erleben musste. Wenn selbst NRW-Ministerpräsident Armin Laschet also meint, das kommende Weihnachten sei das „härteste seit dem Krieg“, ist schon das barer Unfug und eine Frechheit gegenüber all jenen, die noch Weihnachten 1950 in kaum beheizten Blechbaracken verbringen mussten. Und ich sage bewusst „verbringen“, denn von feiern konnte da keine Rede sein. Wie viele Gäste? Die Menschen hätten gelacht über die Frage.

Ich mache mir Sorgen wegen Corona. Große Sorgen. Sorgen um die fatalen Auswirkungen auf unsere Wirtschaft. Sorgen über eine schlimme Pleitewelle im kommenden Jahr. Sorgen auch um Hunderttausende Hotspots in einer zu überschwänglichen „Ausnahme“-Stimmung Ende Dezember. Ich mache mir Sorgen um Menschen, deren Arbeitsplätze bedroht sind, die nicht mehr arbeiten dürfen, die vor dem Aus stehen. Und ich mache mir Sorgen um all die Menschen, die mit schweren Symptomen in unseren Kliniken liegen.

Aber ich mache mir keine Sorgen, dass wir Hunger leiden, im Dunklen oder Finstern sitzen müssen, dass wir nicht genau das kaufen können, was wir wollen, sogar Klopapier in jeder Farbe. Es geht uns allen verdammt gut, und wir schränken unsere üblichen, ungeheuren Freiheiten nur deswegen ein, weil wir nicht nur an uns, sondern auch an andere denken. Wer Maskenpflicht und geschlossene Diskos mit einer Diktatur vergleicht, ist nicht nur dem maßlosen Mimimi verfallen. Er ist auch ein armer Idiot.

Ja, das klingt jetzt vielleicht etwas streng, und auf jeden Fall strenger als bei den Politikern, die selbst bei Silvesterböllern meinen, die Leute hätte es halt gerne so. Mit diesem Argument kann man auch Clubs öffnen und das Après-Ski in Ischgl, das hätten die Leute auch gern. Und dann werden wir auch beim Klimaschutz nie so recht vorankommen, denn die Leute haben Windräder nicht so gerne und sie wollen auch für 29 Euro nach Mallorca fliegen…

Das Mimimi kennt kein Maß. Und es darf nicht das Maß aller Dinge werden.

Euer

Andreas Stoch

Ein Gedanke zu „Maßloses Mimimi

  • 2. Dezember 2020 um 22:07
    Permalink

    Nein, mir tut diese Jana aus Kassel nicht leid. Sie täte mir vielleicht leid, wenn sie nach dem Auftritt des Ordners in sich gegangen wäre und darüber nachgedacht hätte, was da passiert ist. Hat sie aber nicht.
    Und es war nur eine Person, die ihr die Meinung gesagt hat, während sie ansonsten von „ihrem“ Publikum umgeben war, als sie theatralisch heulend von der Bühne gestürmt ist. Nur um nach einer halben Stunde zurückzukehren und dieselbe Rede nochmal zu halten. Selbstreflektion Null. Sorry, da kann man kein Mitleid mehr haben.

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