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Von Helden und Hängematten

Seit wir in die Corona-Zeiten geschlittert sind, haben wir viel über die Heldinnen und Helden geredet. Es gab Applaus für Krankenschwestern und Altenpfleger, Lob für Müllmänner und Supermarkt-Kassiererinnen. Später haben wir auch festgestellt, dass sich Polizisten und Feuerwehrleute keinen Lockdown leisten konnten, dass auch auf Baustellen feste weitergearbeitet wurde.

Inzwischen haben wir schon wieder viele Wochen Lockerungen hinter uns. Ja, wir tragen noch Masken, ja, wir halten noch Abstand, aber wir können uns wieder treffen. Wir können wieder Einkaufen und Essen gehen, ins Kino, es gibt sogar Konzerte und Kleinkunst. Die Freibäder sind auf, Schulen und Kitas fahren langsam wieder hoch, man kann zum Friseur und in den Fahrradladen…

Es klingt jetzt ein bissel abgedroschen, wenn ich sage, wie unglaublich wichtig das ist. Das tut mir leid, aber es ist eben wirklich unglaublich wichtig. Unser Land kann sich nicht monatelang einfrieren, das halten wir nicht aus, nicht unsere Gesellschaft, nicht unsere Wirtschaft. Es kann noch lange Monate weitergehen, bis es einen Impfstoff gibt. Es kann noch Jahre dauern, bis wir Covid-19 endgültig abhaken können. Und so lange muss das Leben irgendwie weitergehen. Trotz Corona. Mit Corona. An Corona vorbei.
Das Virus macht alle gleich, heißt es immer. Ich muss aber sagen, dass ich den Eindruck habe, dass das Virus sehr unterschiedlich wirkt in unserer Gesellschaft. Und ich muss heute auch mal ein wenig schimpfen.

Ich glaube tatsächlich, dass die Corona-Krise viele Missstände in den Vordergrund rückt, die gar nicht neu, gar nicht vom Virus verursacht sind. Es gab sie schon lange, aber nun rücken sie ins Rampenlicht. Wir erkennen, wie unmenschlich viele ausländische Arbeiter in Billigfleisch-Fabriken behandelt werden. Wir erkennen, wie sehr unsere Schulen dem digitalen Wandel hinterherhinken. Wir müssen auch erleben, wie fragil die Europäische Union ist, in der im Notfall wieder jeder auf eigene Faust handelt.

Corona rückt aber auch noch andere Missstände in den Vordergrund. Der Baden-Württembergische Handwerkskammertag hat diese Woche öffentlich beklagt, das Bauhandwerk werde ausgebremst. Aufträge gebe es genug, die Betriebe würden auch gerne loslegen, doch die Genehmigungsbehörden seien „richtiggehend abgetaucht“.

Leider deckt sich das mit vielen Beschwerden, die bei mir aufschlagen. Alles strebt nach so viel Normalität wie möglich, doch hier und da hat man den Eindruck, der totale Lockdown sei auf ewig beschlossen. Da gibt es wichtige Behörden, die nur noch schriftlich zu erreichen sind, die nur wenige Stunden in der Woche einen minimalen Publikumsverkehr zulassen. In Stuttgart, hat man mir kürzlich erläutert, brauche es keine Kaufprämie für Neufahrzeuge, um den Markt anzukurbeln. Es würde genügen, wenn die Zulassungsstelle normal arbeiten würde. Termine bekomme man nur am Telefon, ans Telefon gehe aber niemand. Und genau das habe ich auch schon anderswo gehört.

Nein, Corona macht eben nicht gleich. Keine Supermarktkassiererin hatte je die Möglichkeit, sich selbst von der Arbeit zu befreien. Auch diese Unterschiede sind nicht neu: Wahrscheinlich hätten auch viele Supermarkt-Mitarbeiter gerne um 16.30 Uhr Feierabend. Geht aber nicht, weil die Leute erst später Zeit zum Einkaufen haben. Wer kann schon um 16.30 Schluss machen? Ach, Ämter und Behörden, natürlich.

Und so geht es jetzt eben auch in Corona-Zeiten weiter: Ein großer Teil unseres Landes schafft und werkelt so normal wie irgend möglich, hier und da ist man aber im Notlauf hängengeblieben. Daran müssen nicht einmal die Beschäftigten Schuld sein: Was sollen die Mitarbeiter einer Baubehörde machen, wenn man sie in Kurzarbeit schickt? Nur: Warum schickt man die Mitarbeiter in Kurzarbeit, wenn draußen gebaut wird wie in jedem Sommer?

In meiner Heimatstadt war im Lockdown sogar wochenlang die Mülldeponie gesperrt. Ausgerechnet in jenen Wochen, als alle Welt zuhause durch den Garten tobte, im Haus werkelte, ausmistete. Baumärkte blieben deswegen offen, doch wer nicht Neues kaufen, sondern Altes loswerden wollte, hatte Pech – ob man sich beim Abladen von Sperrmüll an einem Fahrsilo anstecken kann oder nicht, spielte offenbar keine Rolle. Es ist ja auch nicht ganz klar, warum man sich in einer Zulassungsstelle oder einem Bürgeramt eher anstecken sollte als beim Friseur oder beim Arzt.

Und es ist auch nicht nur die öffentliche Hand, die sich mit einer neuen Normalität so schwer tut. Viele Zeitungsverlage haben zu Beginn des Lockdowns Kurzarbeit ausgerufen, die Mitarbeiter ins Home-Office geschickt, die Umfänge drastisch reduziert. Klar: Es gab keine Anzeigen mehr, keine Veranstaltungen, keine Lokalpolitik, nicht einmal Fußball. Mehr und mehr kommt all das zurück. Doch viele Redaktionen bleiben im Ausnahmezustand hängen, ohne das übliche Teamwork. Und das merkt man vielen Erzeugnissen leider auch an. Man reduzierte die Umfänge deutlich, bisweilen ist das einfach so geblieben. Und wenn in einem Ort dann mehr passiert, als auf eineinhalb Seiten passt, dann hat der Ort eben Pech.

Und selbst die arg gebeutelte Gastronomie kennt alle Zustände von Locker bis Lockdown. Ein Hotel hat geöffnet, das nächste geschlossen, hier hofft man auf Gäste und dort auf staatliche Soforthilfen.

Corona ist ein Virus. Für manche scheint es aber auch eine willkommene Ausrede zu sein. Und das darf nicht so bleiben. Wenn unsere angeschlagene Konjunktur tatsächlich auch nur an einzelnen Stellen dadurch ausgebremst würde, dass man hier und da nicht aus dem Notlauf kommt, dann muss man hier und da eben nachhelfen. Kirchen laden dieser Tage auch an Samstagen zu Konfirmation oder Kommunion, damit die Kirchen am Sonntag nicht zu voll werden. Warum ist es so dermaßen unvorstellbar, dass ein mit Terminen überschwemmtes Amt auch an einem Samstag öffnet?

Ich will hier keine Pauschalurteile fällen. Es gibt sicher viele Behörden, die sich nach Kräften anstrengen und die gerade in der Corona-Krise alles getan haben, um zu helfen, zu unterstützen, um Dinge zu ermöglichen. Und natürlich haben Ämter und Behörden auch einen massiven Anteil daran, dass die staatlichen Hilfen in der Krise ihren Weg zu denen finden, die diese Hilfe brauchen. Wer mich kennt weiß, dass ich immer für einen handelnden Staat und alle seine Institutionen eintrete. Aber genau deswegen dürfen wir nicht das Risiko zulassen, dass der Staat sich selbst in Misskredit bringt.

Umso mehr müssen wir dafür sorgen, dass uns nach all den Mühen und angesichts all der unabwendbaren Probleme und wirtschaftlichen Krisen nicht auch noch unnötig Stöcke zwischen die Beine geworfen werden. Wenn wir uns mit und trotz Corona mehr anstrengen müssen, dann muss das für alle gelten.

Wir haben in der Corona-Krise Heldinnen und Helden gefeiert. Sie haben Applaus verdient und mehr als das, eine faire Bezahlung, angemessenen Respekt. Und sie haben es verdient, dass in diesem Land nicht einmal der Verdacht aufkommen kann, dass es sich mancher in der Corona-Hängematte bequem gemacht hat.

Euer
Andreas Stoch

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